Eventide Temperance Pro

Reverb-Plug-in basierend auf Modaltechnologie

Autor: Lars Deutsch

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Temperance Pro von Eventide ist ein modaler oder in der Tohöhe stimmbarer Nachhall mit 29 Räumen (spaces) und über 120 Presets. Eventide bewirbt es als „der musikalischste Nachhall der Welt“. Temperance Pro nutzt die chromatischen 12-Ton-Skala als Steuerelement, um zu bestimmen, welchen Frequenzen oder Töne im Raum erklingen oder verklingen. Lars Deutsch, Komponist, Songwriter und Produzent aus Los Angeles, hat das Plug-in ausführlich getestet und beschreibt sowohl die Installation als auch die praktischen Anwendungsmöglichkeiten.

Installationsprozess

Temperance Pro verfügt über einen eigene Installer-Software, der über die Website von Eventide verfügbar ist. Die Installation ist einfach, und die Autorisierung über iLok funktioniert ohne Probleme. Temperance Pro ist mit allen gängigen DAWs unter Windows 10 oder höher und macOS 10.14 oder höher kompatibel. Es ist als 64-Bit-AAX-, VST3- und AU-Plug-in-Version erhältlich. Es gibt die Möglichkeit alle Versionen oder nur eine Auswahl zu installieren.

Konzept

Temperance Pro kann wie ein herkömmliches Reverb verwendet werden und klingt, genau wie Blackhole Immersive von Eventide, hervorragend. Was Temperance Pro so einzigartig macht, ist das Konzept eines in der Tonhöhe stimmbaren Halls.

Die Benutzeroberfläche von Temperance Pro ist klar und einfach strukturiert und bietet nicht nur Standardparameter wie Mix, Decay, Size und Density, sondern auch einen zentralen Regler, der die bevorzugten Tonhöhen anzeigt, steuert und die Schärfe des Fokus auf diese Tonhöhen bestimmt. Die Automatisierung dieses Reglers ermöglicht einen nahtlosen Übergang von traditionellen zu sehr präzise gestimmten Reflexionen.

Es gibt eine ganze Reihe Möglichkeiten die Tonhöhe des Halls zu steuern. Für meinen Workflow war es am effektivsten, Temperance Pro wie einen Vocoder mit MIDI anzusteuern. Für eine subtile Anwendung gibt es die Option einfach die Tonart des Songs auszuwählen.

Die Notenauswahl und die Mix-Taste lassen sich über eine Taste mit einem Schloss-Icon sperren, sodass bei der Awahl eines Presets diese Parameter nicht verändert werden. Es ist möglich alle Reflexionen zu stimmen oder sich auf frühe oder späte Reflexionen zu bevorzugen. Jede Option hat ihr eigenes Farbschema. Mit der Offset-Taste wird die Höhe oder Helligkeit des Halls gegenüber dem Ausgangsmaterial eingestellt. Mit einem praktischen Schiebereglers lässt sich auch eine Funktion einschalten, die wie ein Tief- und Hochpassfilter für den Hall funktioniert. Über einen separaten Schiebeschalter kann hier zwischen Tonhöhe und Frequenz mit zwei verschiedenen Flankensteilheiten gewählt werden.

Das Preset-Menü enthält einige Tutorial-Presets und gute Beispiele für die Stärken von Temperance Pro. Im Preset-Menüs kann zwischen den 29 verfügbaren Räumen gewählt werden.

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In der Praxis

Ich habe Temperance Pro hauptsächlich in Logic auf einem Intel Mac Pro mit 16 Kernen getestet, aber auch auf einem Silicon-Laptop. Die CPU-Auslastung war auf beiden Computern kein Problem. Es gibt aber auch eine Eco-Option um wenige Resourcen zu beanspruchen.

In der Vergangenheit habe ich versucht, mit einer Kombination aus Filtern und Plug-ins etwas Ähnliches wie einen stimmbaren Hall zu bauen. Daher habe ich mich darüber gefreut, dass jemand ein paar Jahre in die Entwicklung eines stimmbaren Halls investiert hatte. Die Presets sind gut gestaltet und sehr nützlich. In meinem persönlichen Workflow habe ich in der Regel das gewünschte Ergebnis erzielt, indem ich zuerst den Raum ausgewählt und dann die Parameter nach Gehör angepasst habe. Die gut gestaltete und intuitive Benutzeroberfläche erleichtert die Einstellungen.

In einem ersten Projekt habe ich eine sehr frei spielende Live-Band für einen Künstler aufgenommen. Wir brauchten einen volleren und trotzdem homogenen Klang, ein wenig wie eine sanfte Begleitung durch einen Keyboarder. Ich habe Temperance Pro mit der Akkordfolge des Songs via MIDI gesteuert und den Hall von Bass, Keyboards und Hintergrundgesang so lange angepasst, bis der Klang irgendwo zwischen einem sanften, sich ständig verändernden Pad und einem subtilen Raumklang lag.

Für das Outro des Songs habe ich das trockene Signal langsam ausgeblendet und den gestimmten Hall mehr in den Fokus gerückt. Temperance Pro machte es möglich, die Nuancen der Performance am Leben zu erhalten, obwohl ich den Klang mit Hall verdichtet habe. Der Effekt wirkte organisch, und der Hall drängte sich nicht in den Vordergrund sondern er fügte sich vielmehr nahtlos in das Gesamtbild ein. Um den Refrain musikalisch hervorzuheben, habe ich kurz vor dem Refrain durch Hinzufügen von Polytonalität im oberen Bereich des Halls sanft weitere Nuancen in die Akkorde eingebracht.

Für ein zweites Projekt wurde mir ein hoher und aggressiv-klingender Frauenchor gegeben. Der Kunde war von diesem Ergebnis der Bearbeitung begeistert. Um es in eine Komposition zu integrieren, habe ich Temperance mit MIDI-Noten versorgt, um dieses harschen Klang abzumildern - vor allem aber, um es von einem statischen zu einem dynamischen Teil der Komposition zu machen. Im weiteren Verlauf dieser Komposition habe ich den Offset-Regler in Temperance Pro automatisiert, um den Hall wie einen Riser ansteigen zu lassen.

Dies sind nur zwei Beispiele dafür, wie leistungsstark dieses Plug-in im täglichen Workflow sein kann.

Fazit

Für Komponisten, Produzenten und Toningenieure bietet Temperance Pro eine Kontrolle und Problemlösung, die bisher nicht verfügbar war. Mein einziger Kritikpunkt liegt in dem Fehlen eines Gates, was ich mir doch sehr gewünscht hätte. Fairerweise muss man sagen, dass die meisten Reverbs kein Gate oder einen IR-Cut besitzen, aber die Kombination aus einem großen Raumklang mit einem kürzeren, durch ein Gate gesteuerten oder leichter zu kontrollierenden Nachhall wäre großartig gewesen.

Schon bevor ich über einen Test zu Temperance Pro nachdachte, hatte es Pads und Vocoder in meinem Workflow ersetzt. Ich hatte auch das Preset “Opera“ so eingestellt, dass alles, was ich hineinschicke, fast wie ein entfernter Chor klingt, der auf die Nuancen des restlichen Arrangements reagiert. Die Automatisierung des Offset-Werts ist zu einem meiner bevorzugten Mittel geworden, um Übergangseffekte und subtile Anstiege oder Abfälle hinzuzufügen.

Ich bin begeistert darüber, dass ich eine Solo a-cappella Stimme in eine eigene Begleitung verwandeln, harsche und statische Samples in einer Komposition harmonisch einbinden, flache und langweilige Pads durch organische Bewegung ersetzen und jedes musikalische Element klangvoller gestalten kann.

Temperance Pro ist auf der Website von Eventide für 179 US-Dollar erhältlich. Temperance Lite war ursprünglich als kostenloser Download verfügbar und kostet jetzt 49 US-Dollar. Temperance Lite kann jedoch nicht wie ein Vocoder über eine MIDI-Datei gesteuert werden und bietet weniger Raumklänge. Dennoch ist es möglich, Akkordwechsel zu automatisieren, sodass auch die Lite-Version ein leistungsstarkes Werkzeug sein kann.

www.eventideaudio.com