Dolby Studio Spotlight: H.O.M.E.-Studios
Foto: Julian Collet

„Zur rechten Zeit am rechten Ort“ – diese Wendung gebraucht Tilmann Ilse immer wieder, wenn er über seinen Werdegang spricht. Als einer der führenden Dolby Atmos Mixer in Deutschland ist das nun genau sein Beruf: Signale zur rechten Zeit an den rechten Ort bringen. Dabei geht es Ilse nicht um schwindelerregende Effekte, sondern um eine räumliche Tiefe, die sich so eben nur in Dolby Atmos erzeugen lässt.
Los ging es bei Tilmann Ilse damit, dass in seinem Umfeld „irgendwas mit Medien“ für die Berufswahl angesagt war. Bei einem Praktikum in einer Filmproduktionsfirma führte der Weg dann für die Nachvertonung eines Werbespots in ein Tonstudio, wie Ilse sich erinnert: „Der dunkle Raum mit einem riesigen Mischpult – das habe ich gesehen und sofort gewusst: das will ich machen!“ Einige Jahre und mehrere Studios später kehrte Tilmann Ilse dann in das H.O.M.E.-Studio zurück, wo er schon zu Beginn seiner Karriere tätig war. Diesmal hatte er aber Gepäck dabei: seine Dolby Atmos Abhöre. „Beim Umzug ins H.O.M.E.-Studio habe ich das Setup auf 9.1.4 erweitert, also noch die Wide-Speaker dazu genommen“, erläutert Ilse sein Setup. „Ich hatte das vorher schon mal ausprobiert, konnte die im alten Studio aber nicht richtig integrieren.“
Die Initialzündung für Tilmann Ilses Auseinandersetzung mit immersivem Audio kam 2007, als er Ronald Prent im Galaxy Studio assistierte. „Es gab einen Track, den sie in einer Kirche aufgenommen hatten, und bei der Aufnahme hatte es geregnet“, beschreibt Ilse seine Eindrücke. „Die Top-Mikrofone haben das Regenprasseln auf dem Kirchendach eingefangen und in dem Studio kam das dann aus den Deckenlautsprechern. Das war irre, hyperrealistisch, das hat mich total gepackt und fasziniert. So wurde also mein Interesse für immersives Audio geweckt.“ Es dauerte dann aber bis zum Corona-Lockdown, bis sich Tilmann Ilse genauer mit immersivem Audio beschäftigte. Die erste Mischung war Stefanie Heinzmann – die davon nichts wusste. „Ich kannte den Manager, wir haben die Files besorgt und dann mal zwei Songs in Immersive gemacht. Als Stefanie Heinzmann dann im Haus war, haben wir ihr das vorgespielt. Sie ist komplett durchgedreht, fand das tierisch, also habe ich den Rest des Albums gemacht.“ Kurz darauf kündigte Apple an, Spatial Audio auf iTunes anzubieten. „Wir konnten das liefern, und so ging das Telefon.“ Richtige Zeit, richtiger Ort.
Es folgten reihenweise Projekte mit namhaften Artists: Cro, Joris, Marteria, Rosmarin, Juli, Pajel, … die Liste ließe sich fortführen. Teil von Tilmann Ilses Erfolgsrezept ist dabei die klare Orientierung an der Stereo-Vorlage. „Ich kann ja die Verhältnisse der Spuren nicht ganz anders machen als im Stereomix, an dem die Künstler:innen meistens mit Schweiß und Blut gearbeitet und ihn schließlich abgesegnet haben“, erklärt er die Wichtigkeit der Stereo-Grundlage für seine Arbeit. „Diese Verhältnisse muss ich bewahren, vor allem bei den Vocals. Wenn ich die Signale aber auf meine ganzen Lautsprecher verteilt habe, dann kann es sein, dass die Backing Vocals zum Beispiel von den Wides oder den Surrounds kommen. Da wird es manchmal schwer einzuschätzen: Sind die Vocals jetzt zu laut oder zu leise? Also mache ich einen Folddown von meinem Dolby Atmos System auf Stereo, weil dann wieder alle Signale aus meinem Stereo-Set kommen und ich die Verhältnisse sofort beurteilen und vor allem vergleichen kann.“
Der Stereomix dient sogar dann als Grundlage, wenn Ilse in selbst anfertigt. „Ich habe mir angewöhnt, mir selbst Stems zu ziehen, damit ich nicht aus einem Stereo-Drumbus auf einmal einen 7.1.2-Drumbus machen muss. Das frisst Ressourcen, Plug-ins, Rechnerleistung. Es ist auch ungeheuer schwierig, dann klanglich noch an den Stereomix heranzukommen, was EQ- und Kompressor-Bearbeitungen angeht.“ In den Stems, die er sich selbst erstellt, sind alle diese Einstellungen bereits integriert, die ästhetische Grundlage ist gelegt, und der kreative Umgang mit der Räumlichkeit im Dolby Atmos Mix kann losgehen.
Aus dieser Arbeitsweise ergibt sich für Tilmann Ilse auch gewissermaßen automatisch die Reihenfolge der Mischungen. „Ich mache lieber erst den Stereomix“, gibt er zu Protokoll, „damit sind dann alle happy und ich kann daraus den Dolby Atmos Mix erstellen.“ Zuerst den immersiven Mix zu erstellen und diesen danach auf Stereo herunterzubrechen ergibt für Ilse wenig Sinn. „Das ist aus meiner Sicht am Ende mehr Arbeit. In Dolby Atmos muss ich beim EQing nicht so sehr darauf achten, dass sich Sachen nicht überschneiden. Wenn die Signale aus verschiedenen Speakern kommen, dann können sie alle fullrange sein. Das klingt super.“ Die Gefahr droht dann beim Folddown, zum Beispiel für die Wiedergabe über Kopfhörer, die dann Transparenz vermissen lässt. „Wenn ich dagegen erst den Stereomix mache, dann kann ich die Drums fett machen, die Gitarren im Mix platzieren, den Bass schieben lassen, Vocals dazu – das wird dann so gemischt, dass es durch zwei Speaker passt, ohne sich gegenseitig zu verdecken. Dann habe ich also schon die ganzen EQs, und das funktioniert dann auch in Dolby Atmos noch wunderbar.“
Was im immersiven Mix dann dazukommt, ist die Dreidimensionalität, die Dolby Atmos bereitstellt. „Bei mir ist es nicht so, dass ich eine Stereobühne vorne und dann ein bisschen Reverb im Raum habe, da stehe ich nicht so drauf. Ich mag es gerne, wenn man Signale verteilt. Gerade Backing Vocals lassen sich wunderbar verteilen. Synthetische Sounds lassen sich auch gut verteilen, die kann man auch mal ein bisschen im Raum hin und her wandern lassen.“ Am Ende gilt aber immer die oberste Maxime: „Mein Ansatz ist immer: Der Song ist King.“
Angesprochen auf seine Lieblings-Tools beim Mixing in Dolby Atmos nennt Tilmann Ilse vor allem Reverb-Plug-ins. „Ich nutze gerne den Roomenizer von Ralph Kessler, der kann alle möglichen Arten von Mehrkanal und klingt sensationell. Mit das bestklingende Hall-Plug-in, das ich kenne.“ Über einen Upmixer kommt ein weiterer virtueller Raum zum Tragen: „Ich nutze gerne das Ocean Way Plug-in. Da will ich dann nicht wirklich Reverb, sondern einfach einen schönen Raum. Das ist nur dafür da, dass ein Signal, das ich auf einen Lautsprecher schicke, nicht an der Membran klebt, sondern dass da noch ein bisschen Raumantwort mit dabei ist.“
Alle anderen Werkzeuge sind nicht spezifisch für Dolby Atmos vorbereitet, sondern werden von Ilses DAW der Wahl Pro Tools automatisch entsprechend umgesetzt. „Ich muss nicht darauf achten, ob ein Plug-in Dolby Atmos kann oder nicht. Wenn ich es auf eine 7.1.2-Spur anwende, öffnet Pro Tools automatisch entsprechend viele Instanzen des Plug-ins, sodass ich damit arbeiten kann.“
Tilmann Ilse bescheinigt Dolby Atmos eine große Zukunft und ist sich sicher, dass immersives Audio „ganz sicher nicht wieder verschwinden“ wird. Den Grund dafür sieht er vor allem im grundsätzlich anderen Ansatz durch das objektbasierte Format. „Bei 5.1 Surround brauchtest du diese sechs Speaker, den Receiver, auf Kopfhörern unmöglich. Dolby Atmos kann skaliert werden, ob man das jetzt binaural über Kopfhörer hört oder über einen Soundbar oder ein großes Lautsprechersystem. Das Format ist da komplett flexibel.“
Was Ilse sich für die Zukunft wünscht ist, dass der Wunsch nach Dolby Atmos noch häufiger von der Seite der Artists kommt. „Dabei müssen die Leute es nur mal hören. Alle Leute, die es gehört haben, waren völlig begeistert. Das dauert normalerweise keine 20 Sekunden. Und wenn man diese Vorstellung einmal im Kopf hat, kann man auch entsprechend produzieren.“
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