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Drahtlosmikrofone und Intercom - Wo geht die Reise hin?

Die Frequenzen für Drahtlosmikrofone im Bereich von 790 bis 862 MHz stehen der Veranstaltungsbranche bald nicht mehr zur Verfügung. Immer wieder bekommen wir, trotz vieler Artikel in der Fachpresse, Anfragen darüber, wie man sich nun als Anwender verhalten soll, insbesondere was zukünftige Investitionen angeht. Aus diesem Grund möchten wir mit diesem Beitrag noch etwas mehr Klarheit schaffen.

Interview mit Jörg Rader

Wir haben zu dem Thema ein Interview mit Jörg Rader, Geschäftsführer von Audio-Technica Deutschland, geführt.

 

proaudio.de: Wie stellt sich denn die aktuelle Situation dar?

Jörg Rader: Hallo Peter und vielen Dank für die Gelegenheit, hier Stellung zu nehmen. Die Frequenzbereiche 790 bis 862 MHz sind für mobile Internetzugänge vorgesehen. Wenn diese aktiv sind, kann kein Funkmikrofon im selben Frequenzband sinnvoll betrieben werden. Der Betrieb ist darüber hinaus dann verboten. Die neue Regelung wird spätestens zum 01.01.2016 angewendet. In bis zu 800 Gemeinden Deutschlands – vorwiegend in ländlichen Gebieten – werden mobile Internet-Zugänge jedoch bereits ab 2010 eingerichtet. Es kann somit bereits dann zu Beeinträchtigungen kommen.

proaudio.de: Eines ist also klar, die exklusiven Frequenzen im Bereich 790 bis 862 MHz gehen uns verloren. Aber es gibt ja die noch weiterhin bestehenden UHF-Frequenzen.

Jörg Rader: Der UHF Bereich zwischen 470 und 790 MHz ist seit vielen Jahren für Funkmikrofone als Sekundärnutzer parallel zu den terrestrisch ausgestrahlten Fernsehkanälen vorgesehen. Hier wird es betreffend der Nutzergruppen keine Änderungen geben. Der Bereich ist bei Audio-Technica mit den Funksendesystemen im C-Band und D-Band abgedeckt. Hier können eine Vielzahl von Mikrofonkanälen simultan betrieben werden. Eine saubere Vorbereitung und Planung der Frequenzen ist jedoch unbedingt von Nöten, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten. Weiter bleibt der „deregulierte“ Frequenzbereich von 863 bis 865 MHz europaweit für Funkmikrofone nutzbar. In diesem schmalen Frequenzfenster können je nach die Qualität des Produkts ca. drei bis vier Funksendesysteme simultan betrieben werden. Der Bereich ist in mit den Audio-Technica Funksendesystemen im F-Band abgedeckt.

proaudio.de: Eines ist aber sicherlich doch klar, für störungsfreie professionelle Anwendungen kommt weder der deregulierte UHF-Frequenzbereich von 863 bis 865 MHz in Frage, noch verfügbare Alternativen wie Drahtlostechnik im 2,4 GHz ISM Band oder?

Jörg Rader: Das ist richtig. Die Kaufempfehlung ist aber für unterschiedliche Zielgruppen anders, das sollte man genau betrachten.

Wer als Betreiber von Theatern, Konferenz- und Veranstaltungsstätten oder regional agierendes Vermietunternehmen eine Vielzahl von Funkmikrofonen stationär oder im gleichen Ort betreibt, sollte sich für Systeme zwischen 470 bis 790 MHz (AT C-Band oder D-Band) oder aber die sehr breitbandigen Wisycom Systeme entscheiden. Wer als Musiker, Disc-Jockey, Betreiber von Konferenz- und Veranstaltungsstätten oder Kirchen maximal zwei bis drei Mikrofone simultan einsetzt ist hier dauerhaft auch nach 2015 gut im deregulierten Bereich aufgehoben und sollte sich für unsere F-Band entscheiden.

Wer als Betreiber von überregional, europaweit oder global arbeitenden Vermietunternehmen eine Vielzahl von Funkmikrofonen mobil betreibt sollte sich für die sehr breitbandigen Systeme entscheiden, wie dass der Firma Wisycom.

proaudio.de: Wie soll man sich verhalten, was langfristige Investitionen angeht? Werden bald ggf. neue Frequenzen zugeteilt und wie sieht es da mit einer europäischen Harmonisierung aus?

Jörg Rader: Hierzu sollten die Behörden befragen. Wir Hersteller können hier nur mutmaßen. Wir rechnen derzeit nicht mit einer kurz oder mittelfristigen europaweiten Lösung, sondern mit einem Flickenteppich um unteren UHF Bereich. Zu alternativen Frequenzbereichen ist folgendes zu sagen: Ein weiteres Frequenzfenster ist im Bereich 1,4 GHz und ebenso um die 1,8 GHz möglich. Mit grösser werdender Frequenz und somit kleiner werdender Wellenlänge wird die Dämpfung und „Abschattung“ durch Hindernisse sehr stark. Die Nutzung dieses Frequenzbereiches erscheint mit der vorhandenen Technologie nur dann sinnvoll, wenn zu jeder Zeit eine direkte Sichtverbindung zwischen Sende- und Empfangsantenne gewährleistet ist. Das ist nicht praktikabel für unsere Kunden. Der Bereich 174 bis 216 MHz (VHF) ist für Funksendesysteme in Gebäuden ebenfalls nutzbar. Die Anwendung kann in diesem Frequenzbereich jedoch problematisch sein, da manche elektronische Geräte Störungen in diesem Frequenzbereich verursachen können. Der Bereich wird von uns untersucht, Audio-Technica bietet aber heute keine Systeme hier an. Weitere Alterlative: die Duplex-Lücke zwischen den Uplink- und Downlink-Kanälen der neuen Zugänge für mobiles Internet im Bereich 821 bis 832 MHz. Wahrscheinlich wird der Bereich jedoch nicht oder nur eingeschränkt für den Betrieb unserer Funksendesystemen nutzbar sein, da hier Interferenzen zu erwarten sind. Dieses Frequenzbereich wird gerade näher untersucht.

proaudio.de: Was für eine Rolle werden denn digitale Funksysteme spielen? Gibt es über digitale Ansätze weitere Lösungsansätze oder Perspektiven?

Jörg Rader: Audio-Technica erforscht schon seit 2005 die Möglichkeiten volldigitale Funksendesysteme zu nutzen. Unsere Anforderungen an diese Systeme sind dabei klar: Dynamikumfang größer 115 dB, Frequenzumfang in der Nähe von 20 Hz bis 20 kHz und nahezu keine Latenzzeiten. Wir haben bisher keinen hinreichenden Weg gefunden, diese Anforderungen in einem Produkt umzusetzen. Es sind bereits einige Ansätze auf dem Markt, die alle an mindestens einem der drei genannten Faktoren (Latenz, Frequenzumfang, Dynamikumfang) scheitern. Auch Audio-Technica hat mit dem Spectrapulse System bereits ein digitales Mikrofonsystem auf dem Markt. Es ist allerdings nur für den Konferenz-Bereich geeignet, da Frequenz und Dynamikumfang nicht für Musikdarbietungen ausreichen. Unsere Erfahrung ist dabei, dass digitale Systeme sogar mehr Spektrum benötigen als unsere heutigen analogen Systeme. Das ist kontraproduktiv bei einem immer voller werdenden Spektrum.

proaudio.de: Also wenn man alles einmal zusammen fasst, dann kann man doch sagen, die Situation ist alles andere als optimal aber es gibt genügend Lösungsansätze in der Praxis und zwar sowohl aktuell als auch in der Zukunft.

Jörg Rader: Das sehe ich genauso, die Anforderungen am den Nutzer und die Systeme ändern sich allerdings. Sie brauchen morgen noch mehr denn heute: erstens einen geschulten und versierten HF-Techniker, zweitens eine möglichst frequenzagile Technik und drittens ein wie auch immer geartetes Messgerät zur Analyse des Spektrums vor Ort. Das ist der Grund warum wir bei Audio-Technica seit zwei Jahren Seminare, Systeme mit bis zu 330-MHz-Schaltbandbreite und Analyser Hard- und Software anbieten.

Fazit

Eines sei noch angemerkt: für Intercom-Lösungen gibt es durchaus Alternativen, da die Anforderungen, besonders an die Übertragungsqualität und Frequenzgang, ganz andere sind als bei einer Drahtlosmikrofonübertragung. Hier ist Riedel z. B. mit seinem Acrobat neue Wege gegangen, das nun DECT-Technologie einsetzt, die um 1,9 GHz arbeitet und so konfliktfrei mit bestehenden UHF-Anlagen parallel betrieben werden kann.

Wir möchten Ihnen zwei Informationsquellen nicht vorenthalten und zwar einmal die Web-Site der APWPT (Association Of Professional Wireless Production Technology), die die Belange der Hersteller und Anwender vertritt: www.apwpt.org

Weiter befindet sich auf der Audio-Technica Web-Site ein interessanter Beitrag, der noch weiteren Aufschluß über das Thema Funkfrequenzen gibt: www.at-my-media.de/media/FAQ-Funkfrequzenzen.pdf